Olli

Das beschissene 1. Jahr

Hallo ihr Lieben,

schon in meinem Beitrag vom Wochenende habe ich erwähnt, dass mein Freund die ganze Woche wegfahren muss, da er zu einem Lehrgang muss. Heute möchte ich euch mal erzählen, warum das in mir schlimme Erinnerungen weckt und mich total unsicher werden lässt. Dafür gehen wir 2 Jahre zurück.
Als Olli geboren wurde, war es zuerst total einfach. Mein Freund hatte eine Woche Urlaub, wir haben das zusammen gut hingekriegt und wir dachten: „Was haben bloß alle?“. Doch mit 2 Wochen entwickelte Olli abendliche Schreiphasen. Zum Anfang waren diese noch auszuhalten, da sie noch nicht so lange waren. Aber es wurde jeden Abend länger, bis er bis zu 1,5 Stunde jeden Abend schrie. Nicht genug, schrie er auch tagsüber und auch nachts länger, sodass an Ruhe gar nicht mehr zu denken war.

Schlimme Erinnerungen für mich

Ich erinnere mich, wie ich der Hebamme davon erzählte und sie mich fragte wie ich damit zurechtkomme. Ich log und sagte, dass es schon ok war, da ich nicht schwach wirken wollte. Aber es wurde eigentlich immer unerträglicher für mich, ihn schreien zu hören. Ich traute mich nicht duschen zu gehen, da ich Angst hatte er würde wach werden und anfangen zu schreien. Ich ging jeden Tag mit ihm spazieren, damit er schlief, manchmal stundenlang. Zum Anfang klappte es noch hin und wieder, dass er etwas länger schlief, aber mit der Zeit halfen auch keine Spaziergänge mehr. Man konnte die Uhr nach ihm stellen, genau ein halbe Stunde später wurde er immer wieder wach und war dementsprechend nie ausgeruht und immer schlecht drauf.Wenn ich mit ihm zusammen einkaufen wollte, musste es schnell gehen. Es war schon schlimm genug, dass er schrie, aber von anderen komisch angeguckt und auch angesprochen zu werden, hat alles noch schlimmer gemacht.

Es sind schlimme Momente hängen geblieben, wie der Tag und der Abend als mein Freund eine Pullerparty mit seinen Kumpels gefeiert hat, da war Olli 6,5 Wochen alt. Ich wollte den ganzen Tag mit ihm im Bett schmusen, kuscheln und schlafen. Mich einfach mal richtig ausruhen. Doch er schrie immer mal wieder für längere Zeit, aber alles noch auszuhalten. Dann kam der Abend. Zu der Zeit wollte er gegen 20.00 Uhr was trinken. Dazu muss ich kurz einwerfen, dass das Stillen damals bei uns nicht geklappt hat, da er nicht richtig getrunken hat, ich hatte aber genügend Milch, also habe ich diese immer fleißig alle 3 bis 4 Stunden abgepumpt. So konnten wir Geld sparen und er bekam die Muttermilch. Jedenfalls schrie er wegen Hunger, dennoch ließ er sich auch mit Flasche nicht beruhigen, trank kurz, schrie wieder, das ging so eine Stunde bis die Flasche leer war und er schrie dann noch ein halbe Stunde. Er war mit nichts zu beruhigen. Ich hielt ihn, ich schaukelte ihn, ich hatte ihn auf dem Bauch liegend, ich sang, ich las ihm vor, da ich nicht wusste, was ich ihm erzählen sollte, bis er eingeschlafen war. Meine Chance, ich wollte schnell abpumpen. Ich brauchte immer ca. eine halbe Stunde zum Abpumpen. Kaum fertig hatte das Kind natürlich wieder ausgeschlafen und schrie wieder. Alles wieder von vorne. Ich probierte wieder alles durch, kontrollierte alles, was Auslöser zum Schreien sein konnte und irgendwann nach weiteren 1,5 Stunden schreien, schlief ich weinend und erschöpft neben ihm ein und auch er ist dann eingeschlafen.

Jedoch das schlimmste Erlebnis war mit knapp 3 Monaten. Meine Frauenärztin habe ich immer noch in meiner Heimatstadt Waren (Müritz). Als ich damals zur Nachkontrolle einen Termin hatte, besaß ich noch kein eigenes Auto und musste mit dem Bus fahren, zusammen mit Olli, da der Papa ja arbeiten musste. Die Hinfahrt war problemlos. Ich merkte zwar, dass er an dem Tag wieder einen sehr unruhigen Tag hatte, aber er schlief die Fahrt über immer wieder gut ein, Dank des Schaukelns. Der Tag verlief auch ohne größere Probleme. Ich traf mich in der Stadt mit meiner Mutti, damit sie mich begleiten und während der Untersuchung auf Olli aufpassen konnte. Erstaunlicherweise klappte alles prima. Pünktlich im Zeitfenster von Flasche zur nächsten Flasche war ich zurück bei meinen Großeltern. Er bekam die Flasche, ließ sich aber nicht beruhigen. Mein Opa hat das Beruhigen dann übernommen, da ich mal wieder abpumpen musste. Ich war so froh als er endlich schlief. Wir haben uns dann auch gleich auf den Weg zur Bushaltestelle gemacht, um wieder nach Hause zu fahren. Kaum waren wir aus Waren raus, standen wir im Stau. Ein Unfall. Es tat sich erstmal gar nichts. Ungefähr 10 Minuten konnte ich ihn noch ruhig halten, in dem ich den Kinderwagen schaukelte, aber dann hatte ich verloren. Er schrie und schrie und schrie. Natürlich machte die Situation, in der ich mich sehr unwohl fühlte und am liebsten mitgeheult hätte, es nicht besser. Dann die Ratschläge er habe Hunger, ich solle ihm doch was geben. Schön, dass andere immer gewusst haben was meinem Kind fehlt. Nun ja, nach 1,5 Stunden die Erlösung, er schlief ein. Nachdem wir uns 2 Stunden lang nicht von der Stelle bewegten, ging es erstmal langsam weiter. Ich atmete auf. Gegen 21 Uhr machte ich mich vom Neubrandenburger Bahnhof auf den Heimweg und fühlte mich so schlecht wie noch nie.

Große Unsicherheiten

Ende November 2014 musste mein Freund dann auf Lehrgang. Er fuhr am Sonntag los und kam erst Donnerstagabend wieder. Erst da merkte ich, dass, auch wenn ich nur geringe Unterstützung von meinem Freund bekam (zwecks 3-Schichtsystem, mangelnden Verständnisses, da er oft die schlimmen Phasen des Tages nicht mitbekam und einfach schlichtweg Faulheit), mir seine Abwesenheit schwer zu schaffen machte. Denn nun gab es absolut keine Verschnaufpausen. Die Oma hatte mir damals angeboten, sie könne ihn ja mal nachmittags nach der Arbeit nehmen oder mit ihm spazieren gehen, doch das schlug ich aus, da ich nicht damit klargekommen wäre, wenn er nicht in meiner Nähe war. So verrückt sich das anhört, ich dachte immer, lieber soll er bei mir schreien und nicht bei jemandem anderen. Der Lehrgang mit dem gleichen Zeitraum wiederholte sich 2 Wochen später noch mal.

Diese Zeit hat mich wirklich fertig gemacht. Ich habe angefangen mich zu belesen, nahm fragwürdige Tipps an und las ein Buch, was sich für uns als absoluter Müll herausstellte: „Jedes Kind kann schlafen lernen.“ Sehr aufmerksam las ich es und wir probierten es mit dem kontrollierten Schreien, aber zu meiner Bedingung immer der gleiche Zeitabstand von maximal 2 Minuten. Länger hätte ich es nicht ausgehalten. Es funktionierte erstmal ganz gut. Dann kam eine kurze Erkältung dazwischen. Wieder von vorne. Nichts da. Das Kind steigerte sich immer mehr ins Schreien hinein, bis er sich komplett vollgespuckt hatte. Das Buch hätte ich am liebsten sofort in den Müll geschmissen. Obwohl in einem hat es mir geholfen, Olli war ja schon ein halbes Jahr alt und wir lebten dann so langsam endlich mal nach einem geregelten Tagesablauf, denn vorher nahm ich alles wie es kam. Hört sich für mich jetzt total spät an, aber aus meinen damaligen Kursen weiß ich, dass viele einfach so in den Tag hineinlebten und keinen richtigen Ablauf hatten. Bei uns wurde es langsam besser. Olli schlief auch mal eine Dreiviertelstunde oder sogar eine ganze Stunde. Ich hatte mich geärgert, weil ich das nicht früher gemacht hatte. Dennoch war er oft unzufrieden und weinte viel. Natürlich nicht so, wenn wir woanders waren und keiner glauben wollte, was ich für Märchen erzähle.

Täglich probierte ich es auch mit unserer Manduca-Tragehilfe, aber sehr erfolgreich war ich damit auch nicht. Grundsätzlich schrie er eine Viertelstunde und schlief dann eine halbe bis zu einer ganzen Stunde. Ich konnte immer gar nicht glauben, dass es Kinder geben sollte, die bis zu 4 Stunden am Stück schlafen.

Es gab natürlich nicht nur schlechtes in dem 1. Jahr, aber dennoch sind es diese einschneidenden Erlebnisse, die es rückblickend für mich einfach nur scheiße aussehen lassen und ich konnte meine Elternzeit nicht wirklich genießen. Ich hatte schon Angst davor, ihn dann in fremde Hände zu geben und die ersten Monate nach der Elternzeit waren absolut nicht einfach, aber ich war so froh, endlich noch wieder eine andere Aufgabe am Tag zu haben, die nichts mit Olli und dem Haushalt zu tun hatte.

Es wird bessser

Erst seit Anfang dieses Jahres ist es langsam einfacher und irgendwie auch angenehmer. Nun sieht man endlich das Licht am Ende des Tunnels und damals wurde mir gesagt: „Halt durch, es zahlt sich aus.“ Ich konnte das damals nicht sehen, aber es wird wirklich besser. Wenn er jetzt seine Schreianfälle bekommt, weiß ich damit auch umzugehen, auch wenn es mich total stresst. Wir brauchen unsere Ruhe und ich singe dann einfach leise irgendwelche Kinderlieder für uns. Dadurch komme ich auch wieder runter und meistens ist er dann auch schnell wieder ruhiger.

Dennoch habe ich manchmal, wenn ich mit Olli abends alleine bin plötzlich so ein beklemmendes Gefühl. Es ist nicht, dass ich mich an irgendwas erinnere, es ist einfach nur plötzliche „Angst“ vor dem Schreien. Dann muss ich mich immer daran erinnern, dass wir das endlich hinter uns gelassen haben.
Es mag sich alles komisch anhören und wahrscheinlich können das auch nicht viele nachvollziehen, aber es ist die schlimmste Erfahrung, die ich machen musste, womit ich nie gerechnet habe, das sowas mit Kind kommen kann. Ich gebe mir am meisten auch die Schuld, dass er immer so viel geschrien hat, dass wir ihn nicht haben richtig ankommen lassen, zu früh zu viel unternommen, zu früh zu viele neue Personen und Eindrücke. Gut, ich werde niemals wissen, ob es anders gewesen wäre, wenn ich etwas anders gemacht hätte, aber beim 2. Kind würde ich es anders machen, ganz egal, ob man sagt, die Kinder sind ja nicht gleich.
Es tut mir sehr gut, all diese Sachen noch mal aufzuschreiben, auch wenn das für mich doch etwas emotionaler ist, als es sich für den einen oder anderen liest. Ich hoffe, damit auch mal etwas verarbeiten und auch noch mehr vergessen zu können, auch wenn das bestimmt noch länger als nur 2 Jahre dauert.

Wer es bis hierher geschafft hat: herzlichen Glückwunsch. 🙂 Es ist ja doch etwas länger geworden.
Habt noch einen schönen Tag.

Liebe Grüße
Sabrina

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5 Kommentare

  1. Hallo, habe deinen Blog gerade durch Frau Brüllen gefunden. Deine Beschreibung weckt sehr viele Erinnerungen, ich fand die Elternzeit auch ganz schlimm. Dabei war meine Krabbe deutlich entspannter als dein Oliver, aber meine Gefühle waren ähnlich. Abwesende/verständnislose Väter machen das Ganze dann noch einmal sehr viel schwerer…Danke für deine Offenheit!

    1. SabrinaRanzow1987 says:

      Hallo, ich muss dir für diesen lieben Kommentar danken. Es freut mich sehr, dass du auf meinen Blog gestoßen bist. Ich wollte die ganzen Gefühle über das erste Jahr einfach mal los werden. Es hat mir gut getan.
      Liebe Grüße

  2. Anonym says:

    Hallo Sabrina, ich kann das was du schreibst gut nachvollziehen. Wenn das Kind schreit, fühlt man sich so hilflos und angespannt. Ich hab damals auch alles ausprobiert. Und kam mir vor wie ein Versager!
    Und auch hier ist es mit der Zeit besser geworden. Warum auch immer….
    Es grüßt Dich Alexandra

    1. SabrinaRanzow1987 says:

      Hallo liebe Alexandra, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich immer wenn es Menschen gibt, die mich verstehen und nachvollziehen können was man durchgemacht hat. Alles Liebe Sabrina

  3. […] Nachwuchs geben würde. Die Realität belehrte mich eines Besseren. Das ganze 1. Jahr über (hier habe ich mal darüber geschrieben, dass ich das 1. Jahr nicht so toll fand) war ich der festen […]

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