Achtsamkeitsstübchen

Wenn die Seele leise schreit

Hallo ihr Lieben,

als ich im letzten Juni am Höhepunkt meiner depressiven Episode war, aber noch keine Medikamente nahm, war ich oft so unfassbar traurig und wütend. Ich fragte mich ständig: Wie entsteht bitte eine depressive Verstimmung mit Angst- und Panikstörung? Also googelte ich das und es machte Klick. Diese Erkrankung beginnt selten mit einem großen Knall, sondern es schleicht sich langsam ein. Es ist ein Prozess, der sich über Monate oder sogar Jahre erstrecken kann. Bei mir war es kein einzelnes Ereignis. Es war eine Mischung aus Dauerstress, Schlafmangel, hohen Erwartungen an mich selbst und dieser Drang, immer stark sein zu wollen.

Es gibt Themen, über die spricht man nicht so leicht und als Mama oft schon gar nicht. Wir wollen funktionieren, organisieren, trösten, alles tragen, was die Kinder betrifft. Als Mamas sind wir oft im Dauereinsatz. Der Körper läuft weiter, auch wenn die Energiereserven längst leer sind. Doch irgendwann kommt die Erkenntnis: Man selbst wird vom eigenen Körper nicht mehr getragen.

Wenn das Gehirn auf „Gefahr“ programmiert wird

Stress ist nicht nur ein Gefühl, er verändert tatsächlich unsere Biologie. Wenn wir dauerhaft unter Spannung stehen, schüttet der Körper Stresshormone wie Cortisol aus. Das Gehirn geht in Alarmbereitschaft und die innere Botschaft lautet: Gefahr. Wenn dieser Zustand anhält, verliert das Nervensystem irgendwann die Balance. Bei Angst- und Panikstörungen spielt ein Teil unseres Gehirns eine zentrale Rolle: die Amygdala, sie ist unser inneres Alarmsystem. Sie reagiert blitzschnell, manchmal schneller als unser Verstand. Wenn sie dauerhaft überaktiv ist, fühlt sich selbst der Alltag bedrohlich an. Die Folge sind Herzrasen, Schwindel, Atemnot. Je öfter diese kleinen Anzeichen des Körpers ignoriert werden, desto lauter wird er, bis die Seele irgendwann einfach nur noch schreit.

Als ich im letzten Jahr so lange krank geschrieben und ich aus meinem alltäglichen Ablenkungstrott raus war, kamen immer mehr und mehr düstere Gedanken auf, die mir Angst machten. Bis es zur Panikattacke kam. Eine Panikattacke fühlt sich an wie Kontrollverlust, obwohl objektiv nichts Gefährliches passiert. Es ist einfach eine Reaktion auf das äußere Geschehen, quasi eine Überreaktion. Das Problem ist aber, dass der Körper diese Erfahrung speichert und so kommt es plötzlich zu Angst vor der Angst.

Man beginnt Situationen zu vermeiden, z. B. Menschenmengen, Autofahren, das Alleinsein oder eben genau das Gegenteil, man bleibt lieber allein mit seinen Gedanken, weil sie unangenehm sind und man sie nicht aussprechen will. Diese Vermeidung schützt kurzfristig, langfristig aber schränkt sie ein. Diese Einschränkung führt oft zu Rückzug, welcher zu weniger positiven Erlebnissen führt und das wiederum kann die Stimmung senken. So entsteht eine Spirale und Isolation ist ein stiller Verstärker von Depression und Angst.

Meine Erfahrung

So war es auch bei mir: In meinem Fall habe ich die kleinen Anzeichen von Herzrasen, Schwindel, schweres Atmen, Kopfschmerzen und die dauerhaften Verspannungen in Nacken und Rücken teilweise ignoriert und erst recht nicht mit einer aufkommenden depressiven Verstimmung in Verbindung gebracht. Im Gegenteil alles wurde nur noch schlimmer, bis hin zur Magenentzündung. Schon vor den zunehmenden körperlichen Symptomen der depressiven Verstimmung waren es vor allem die Durchschlafstörungen, Müdigkeit, Gereiztheit und Konzentrationsprobleme, die mir schwer zu schaffen machten. Mit einer Freundin tauschte ich mich darüber aus und erkannte, dass es stressbedingt war. Ich dachte, je besser ich meinen Alltag organisiere und Zeitfenster für meine Ruhe bzw. für Dinge, die mir Freude machten, finden konnte, umso besser würde es mir gehen. Was für noch mehr Druck und Stress sorgte. Wenn die Kinder mal nicht bei mir waren, sehnte ich mich nach Ruhe. Ich zog mich immer mehr zurück und wollte weder mit Familie oder Freunden telefonieren noch mich mit ihnen treffen. Bevorstehende Familientreffen oder auch die Zusammenkünfte beim Fußball sorgten schon vorab für wilde Szenarien in meinem Kopf: Wer könnte was sagen, wie kann ich reagieren. Ich war einfach gar nicht mehr frei in meinem Kopf. Nach außen hin überspielte ich dies und mimte die fröhliche Sabrina, die ich immer war. Es wurde immer schwerer, die Maske aufrecht zu halten.

Wenn die Stimmung kippt

Depressive Verstimmung bedeutet nicht automatisch schwere Depression, doch sie fühlt sich trotzdem ernst an und diese sollte man auch ernst nehmen. Erschöpfung, Reizbarkeit, innere Leere und das Gefühl, nicht zu genügen. Gerade als Mama traf mich das extrem hart. Ich liebe meine Kinder und gleichzeitig war ich so überfordert und überlastet. Ich wollte präsent sein und schaffte es emotional manchmal nicht und schämte mich dafür, dass ich nicht das fühlen konnte, was sonst da war. Das schlechte Gewissen wurde zum ständigen Begleiter.

Was ich damals nicht verstanden habe: Depression und Angst verstärken sich gegenseitig.

  • Angst kostet Energie.
  • Dauerstress erschöpft das Nervensystem.
  • Erschöpfung senkt die Stimmung.
  • Niedergeschlagene Stimmung macht anfälliger für Angst.

Es ist kein persönliches Versagen. Es ist ein Kreislauf.

Gerade wir Mütter sind da besonders gefährdet. Wir leben in einer Zeit, in der Mütter alles sein sollen: liebevoll, geduldig, organisiert, fit, beruflich erfolgreich, sozial engagiert und das Ganze bitte stets mit einem Lächeln. Viele von uns stellen sich selbst ganz hinten an. Schlaf, Pausen, echte Gespräche, all das wird zu Luxus.

Dazu kommen hormonelle Veränderungen. Besonders nach Schwangerschaften beeinflussen sie unsere Stimmung und Stressregulation. Wenn dann noch wenig Unterstützung da ist, wächst der Druck. Hinzukommt einfach, dass wir Frauen zyklische Wesen sind. Unser Hormonhaushalt verändert sich wöchentlich. Manchmal wird dies auch durch zusätzliche Hormone wie Verhütungspräparate beeinflusst. Gerät nur eines der Hormone in unserem Körper aus dem Gleichgewicht, hat das auch Folgen für die anderen Hormone und die Symptome häufen sich. Oft sind wir uns dem gar nicht bewusst, haben wir ja nie gelernt. Dazu an einer anderen Stelle mal mehr.

Mein Learning aus der Erkrankung

Erstens: Es trifft nicht nur „die anderen“.
Zweitens: Man kommt da nicht raus, indem man sich „zusammenreißt“.

Ich musste lernen, dass mein Nervensystem überlastet war und mein Körper nicht gegen mich gearbeitet hat, sondern versucht hat, mich zu schützen. Angst ist im Kern ein Schutzmechanismus und depressive Erschöpfung kann ein Stoppsignal sein. Beides sagt: So geht es nicht weiterDas ist unbequem, jedoch knallhart ehrlich.

Heilung bedeutet nicht Perfektion und stabil zu sein heißt nicht, nie wieder Angst zu spüren. Es heißt, sie zu verstehen. Die medikamentöse Unterstützung hat mir den gewissen Antrieb gegeben, um wieder aus dem tiefen Loch herauszukommen, in dem ich mich befand. Das war auch kein Scheitern, auch wenn sich das anfangs etwas anders anfühlte. Selbstreflexion hat mir geholfen, meine Denkmuster zu erkennen. Bewegung hat mein Nervensystem reguliert und ich habe gelernt, nach Hilfe zu fragen, ohne mich dafür zu schämen. Heilung ist kein gerader Weg, es gibt Tiefs und Hochs, trotzdem ist sie möglich.

Wenn du das gerade liest und dich wiedererkennst, du bist nicht allein und du bist auf keinen Fall eine schlechte Mutter. Eine depressive Verstimmung mit Angst- und Panikstörung oder auch nur die Angst- und Panikstörung entstehen aus einem Zusammenspiel von Biologie, Stress, inneren Überzeugungen und äußeren Belastungen. Es ist kein Charakterfehler. Es ist ein Zustand, der verstanden und behandelt werden kann. Bitte warte nicht, bis es „schlimm genug“ ist. Sprich mit deinem Hausarzt oder such dir therapeutische Unterstützung. Vertraue dich jemandem an.

Stärke bedeutet nicht, alles allein zu tragen. Stärke bedeutet, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen.

Stabilitätsphase

Heute weiß ich: Ich darf Grenzen haben, ich darf müde sein, ich darf Hilfe brauchen und ich darf offen darüber sprechen. Wenn wir als Mütter anfangen, ehrlich über mentale Gesundheit zu reden, nehmen wir nicht nur uns selbst den Druck, wir verändern auch die nächste Generation. Unsere Kinder brauchen keine perfekten Mütter, sie brauchen echte Menschen als Mamas und echte Menschen dürfen auch Phasen haben, in denen sie kämpfen.

Wenn du gerade kämpfst: Es gibt einen Weg da raus. Der ist wahrscheinlich nicht sehr schnell und vielleicht auch nicht immer leicht, aber möglich. Eine Abkürzung gibt es da nicht, es ist wichtig bei der Heilung auch durch den Schmerz zu gehen, der Anteil daran hat, warum es dazu gekommen ist. Manchmal geht der Weg tief, doch es ist ein Prozess, der sich nicht nur für deine Kinder lohnt, sondern in erster Linie für dich.

Dieser Text ist mir so wichtig, da diese Phase durch die ich gegangen bin, in der die depressive Verstimmung, Angst und Panik meinen Alltag bestimmt haben, mich sehr geprägt haben. Heute bin ich stabil, nicht perfekt und auch nicht sorgenfrei. Doch ich handle bewusster, achtsam und ehrlich mit mir selbst und genau deshalb teile ich hier meine Erfahrungen. Denn so etwas entsteht nicht „einfach so“ und es ist kein Zeichen von Schwäche. Es heißt, dem Körper zuhören, wenn er etwas sagt. Heute höre ich viel schneller hin. Ich bemerke Symptome schneller als früher und nehme mir dann, was ich brauche.

Liebe Grüße

Sabrina

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert